Briefe aus dem Römerhof – 1/25: Pathogenesis
Wie Mikroben die Welt form(t)en
Wie wir während der Corona-Pandemie erlebten, kann ein unsichtbares Virus grosse Macht und entscheidenden Einfluss auf unser Leben haben. Jonathan Kennedy meint, Viren und Bakterien haben die Geschichte der Menschheit auch früher schon bedeutend stärker geprägt als gemeinhin angenommen. Er ist davon überzeugt, dass die moderne Welt ebenso von Mikroben geformt wurde wie von Menschen. Diese These beschreibt er in seinem neuen Buch «Pathogenesis» an Hand von 8 Seuchen.
Die Vorgänger des modernen Menschen, u.a. die Neandertaler in Europa und Homo sapiens in Afrika, passten sich über Jahrhunderte an ihre jeweilige Umgebung an und wurden so zu unterschiedlichen Spezies. Vor ca. 200’000 Jahren trafen sie im östlichen Mittelmeerraum erstmals aufeinander und vermischten sich. Dabei erhielt Homo sapiens wichtige immunbezogene Neandertalergene. Durch diese «Kreuzung» sparte Homo sapiens die Zeit, die er in der Evolution gebraucht hätte, sich an neue Krankheitserreger anzugewöhnen. Dasselbe galt natürlich auch umgekehrt. So stellt sich die Frage, weshalb Homo sapiens sich durchsetzten und die Neandertaler verschwanden. Kennedy meint, dies liege am Klima und dessen Auswirkungen auf Infektionskrankheiten.
Pathogenesis
In der letzten Eiszeit – zwischen 100’000 und 12’000 Jahren – sank die Zahl der Neandertaler in Europa auf einige Tausend, Inzucht war üblich. Ihre genetische Diversität war viel kleiner als diejenige von Homo sapiens. Dieser war auf Grund der früheren Vermischung und des diverseren Erbguts resistent gegen Neandertaler-Krankheiten, bevor die Neandertaler sich an neue Homo sapiens-Pathogene anpassen konnten.
Als Homo sapiens vor 50’000 bis 40’000 Jahren begann nach Eurasien zu migrieren, traf er also auf Neandertaler, die keine solche Toleranz hatten aufbauen können. So starben in relativ kurzer Zeit alle anderen menschlichen Spezies aus und wurden durch den neu allgegenwärtigen Homo sapiens ersetzt. Kennedy nennt dies die Paläolithische, also die Altsteinzeitliche Seuche. Ihr folgte die Neolithische, die Jungsteinzeitliche Seuche. Mehr dazu im nächsten Beitrag.